2008/11/23

y011 - Einzelwesen

Im Zusammenhang mit der Definition von Individuum findet sich der Begriff Einzelwesen. Mir wurde vor kurzem eröffnet, ich sei ein solches.
Kaum soziale Bindungen, die mich in meinen Entscheidungen hemmen könnten.
Kaum jemand, der eine ausreichend große Rolle in meinem Denken spielt, als ich selbst.

Wahrscheinlich ist dies vollkommen korrekt.

Ich habe mich nicht bemüht, Beziehungen aufrecht zu erhalten, wenn sie nicht in mein aktuelles Alltagskonzept passten. Da ich alles als endlich betrachte, bereitet mir das Enden von Beziehungen auch keine größeren Schwierigkeiten.

Wahrscheinlich vermeide ich dadurch auch eine gewisse Stufe von Bindung, für die dieses erlernte, gewohnte Verhalten nicht mehr möglich wäre.

Ich gehe weiterhin tieferen Bindungen, zu mir unbekannten Menschen, aus dem Weg.
Mein Leben ist für mich komplex genug. Ich brauche keine weiteren Faktoren, die zu bedenken sind. Gleichgültig, welche emotionalen Zugewinne sie mit sich bringen.
Ungeachtet dessen habe ich etwas zu geben.
Ich gebe, bekomme angeboten, nehme an.
Ganz wie andere Menschen auch.
Ich bin ok, du bist ok?

Wahrscheinlich fühlt es sich nicht normal für mich an, weil ich glaube anderes Verhalten bei anderen zu beobachten.

Ich sehe Menschen sich um andere bemühen, Beziehungen pflegen, das Bedürfnis zum Ausdruck bringend, dass sich andere um Sie kümmern sollen.
Das scheint sie menschlicher zu machen, als ich mich meist selbst empfinde.
Doch was ist mit all der Individualisierung, die ständig als Erklärung herhalten muss, wenn vergeichsbasierte Untersuchungen zu keinem brauchbaren Ergebnis führen?
Wir sind also alle menschlich?
Wir sind alle gleich, weil wir alle verschieden sind?

Wahrscheinlich ist das für mich nicht akzeptabel, weil ich tief in meinem Inneren, doch zu einer Gruppe gehören möchte.

Gruppen definieren sich über Gemeinsamkeiten.
Der Mensch sei ein Herdentier, heißt es.
Ich bin ein Mensch, also bin ich ein Herdentier.
Mitglied der Gemeinschaft der Menschen. Per Definition. Unstrittig.
Die Dinge von denen ich weiß, dass sie Menschen menschlich machen, scheinen bei mir meist anders ausgeprägt zu sein.
Liebe, Tod, Offenheit.
Das Einzige, von dem ich weiß, dass angeblich all uns Herdentieren gemein sein soll, ist der Individualismus.

Wahrscheinlich benutze ich das Wort "wahrscheinlich" so oft, weil ich nichts als sicher erachte, nicht einmal meine eigenen Gedanken.

Vielleicht habe ich doch noch eine Gemeinsamkeit entdeckt.
Das Streben nach Sicherheit.
Während die meisten Herdentiere diese in der Gemeinschaft suchen, sucht es das Einzelwesen per Definition bei sich selbst.
Je größer mein Bedarf nach Sicherheit wird, desto mehr ziehe ich mich in mich zurück. In mir finde ich, was ich dann am meisten benötige - den Ausschluss aller Überraschungen. Die vollkommene Kontrolle über den Verlauf meines Lebens, meiner Gefühle und Gedanken.

Ich bin ein Einzelwesen.
Doch nicht nur...

mehrmorgen

y010 - Die Macht der Anderen

Die Macht anderer über uns, liegt darin wie stark sie unsere Gedanken und Emotionen beeinflussen. Mit Taten, Ausgesprochenem, Worten die nie gesagt werden, mit Niedergeschriebenem.

Ich war und bin weiterhin ein Verfechter der Selbstbestimmung.
Der Glaube daran, dass Schuld das Beste ist, das ich erreichen kann, gefällt mir, ist ein Leitgedanke.
Verursacher oder Beteiligter an einem Hergang zu sein, der mein Leben oder das Anderer beeinflusst - das ist, was ich sein will.

Da ich nicht in einer Einzelzelle eines psychologischen Experiments, ohne äußere menschliche Einflüsse, gefangen bin, kann auch ich mich nicht der Macht der anderen entziehen.
Das will ich auch meist nicht.
Ich habe ihnen diese Macht schließlich verliehen.

Eine passende Redewendung.
Sie ist nicht geschenkt oder verkauft, sie ist geliehen.

Wenn nun die Mächtigen Dinge tun, die meine Situation zum Negativem verändern können, habe ich die Wahl.
Ich lasse Ihnen die Macht und nehme das Durchleben der negativen Stimmung auf mich.
Ich entziehe Ihnen die Macht für den Moment oder für immer. Sie existieren dadurch einfach nicht mehr in meiner Welt, in meinem Leben.

Vielleicht erscheine ich mal wieder sehr maschinell oder vermittle eine schwere Störung sozialer Kompetenzen.
Doch ich sehe das nicht so tragisch.
Ich gestatte den anderen in solchen Momenten einfach nicht, mein Leben schlechter sein zu lassen, als ich es will.
Ich werde nicht meine Zeit damit vergeuden, zu trauern, mich zu ärgern oder das Vertrauen in meine Fähigkeiten zu schwächen, weil andere solche Konsequenzen durch ihr Handeln oder dessen Unterlassung begünstigen.

Das Leben ist angeblich kurz.
Auch wenn es mir meist zu lang vorkam.
Es gibt besseres zu tun.

mehrmorgen

2008/11/08

y009 - geliebt fühlen

Ich bin mir in letzter Zeit sehr bewusst, wie es sich anfühlt zu lieben.

Es ist nicht das erste Mal, dass mein ganzer Körper sich anfühlt, als wollte er zerbersten.

In den Momenten, in denen mir vollkommen klar ist, wieviel Liebe ich geben will, das ich keine Vorstellung davon habe, wie ich es möglich machen kann, in denen ich aufgebe und das Gefühl genieße, weil ich sonst zu nichts mehr fähig bin...
In diesen Momenten bin ich nichts anderes als liebend existent.
Es gibt niemanden, der mich fordert, keine Forderungen gegen mich, keine Pläne, nur das planlose, überwältigende Gefühl, dass kein weiteres neben sich zulässt. Ganz wie die gängigen Götter.

Es ist nicht das erste Mal.
Es ist sicher selten, in dieser Intensität.
So war es für eine, einst.
So ähnlich war es für eine andere irgendwann bestimmt auch einmal.
So muss es auch noch für eine weitere gewesen sein, doch ich erinnere mich nicht.
So ist es derzeit für sie.
So intensiv ist es nur aus der Nähe möglich.
Geliebt habe ich auch gerne sicher aus der Ferne.
Ich verwende immer wieder Gedanken auf die drei Unerreichbaren.

Ich liebe unabhängig von dem Gefühl, das mir entgegen gebracht wird.
Doch fühle ich, was mir entgegen gebracht wird?

Ich habe einige Tage darüber nachgedacht, habe Gespräche geführt, doch weiß ich es nicht.
Somit fühle ich es wohl nicht.
Ich wünsche mir inniglich, es ist, weil mich das Lieben so vereinnahmt, weil es so garnicht davon abhängt.
Doch die Beweisführung scheint nahezu unmöglich.

Ich erinnere mich nicht daran, wie es sich anfühlt, sich geliebt zu fühlen.
Weder von ehemaligen Beziehungen, Freunden, noch Familienmitgliedern.
Ich weiß, ich wurde geliebt.
Ich weiß, ich werde geliebt.
Doch ich fühle es nicht.

Ich verspüre starke emotionale Reaktionen.
Fühle mich wohl in Ihrer Nähe.
Will nirgends lieber sein, als bei ihr.
Hatte niemals mehr das Gefühl, dass diese Gefühle dem Ich gelten, dass ich zu sein glaube, als bei ihr.
Ist das vielleicht alles, was es ausmacht?
Ist es so schon richtig?

Sollte ich, statt nach einem Gefühl aus der Vergangenheit zu suchen, das ich "Geliebt fühlen" nennen kann, einfach dieses nehmen und zur Definition eben dessen erklären?

Ich weiß es nicht wirklich, doch fühlt es sich richtig an.
Richtiger als alles zuvor.

Ich will es annehmen und sehen was passiert.

mehrmorgen

2008/11/01

y008 - Oberfläche

Gespräche mit mir zu führen, geht häufig einher, mit dem Gefühl, unter Druck gesetzt zu werden. Ein Hinterfragen der eigenen Aussagen ist nicht gewünscht. Es wird verlangt. An der Oberfläche zu kratzen kann für mich nur zum Ziel haben, tief darunter in Bereiche vorzustoßen, die lange unbetrachtet blieben. Small Talk disqualifiziert dich für die Verwendung meiner Zeit. Oberfläche ist ausreichend vorhanden, davon brauche ich nicht mehr. Zeit schon.

Die Zeit, die mir zur Verfügung steht verwende ich für Menschen, die mich unter die Oberfläche schauen lassen, die mit mir dorthin sehen und verstehen wollen, was zu erblicken ist. Hypothesen werden aufgestellt, Szenarien entworfen und durchwandert. Ich will an der Selbsterkenntnis teilhaben.

Ich wehre mich dagegen, dass du schon dort warst.
Für mich zählt es nicht, dass deine Meinung darüber fest steht.
Du sollst mich mitnehmen wollen, meinen Blick darauf sehen wollen, in Betracht ziehen, dass sich dein Blick auf dich durch meinen Blick auf dich ändern kann.

Jahre meines Lebens habe ich mit einem schlechten Gewissen verbracht, darüber dass ich genau dass erwarte. Bisher hatte ich ein gutes Händchen bei der Auswahl der Menschen, die diesen Erwartungen entsprechen können. Die nicht am Druck zerbrechen. Doch meist habe ich dabei Abstriche gemacht. Meine Erwartungen reduziert. Und die meisten verbringen eher wenig Zeit mit mir.

Für meine Gefährtin gilt dies nicht.
Der ehemaligen waren die Erwartungen zu hoch, obwohl ich sie reduziert hatte.
Der aktuellen fällt es nicht leicht, doch sie erfüllt sie.
Die Erwartungen an sie sind nicht reduziert, eher gesteigert.

Ich weiß, es mag sich schrecklich anhören, doch ich will mehr.
Ich will mehr als ich je hatte, mehr als du je gegeben hast, mehr als mir je gegeben wurde.
Von mir erhälst du alles, was ich geben kann, alles was du bereit bist anzunehmen.

Nachtrag:

Definition von Forderung aus dem Wiktionary:
[1] Anspruch, dringender Wunsch, Begehren, Bemühung, Klage, Verlangen
[2] zum Duell aufrufen


[1] entspricht dem von mir gewünschten Verständnis des Wortes
[2] entspricht dem Ergebnis bei einem Mißverständnis


mehrmorgen