Ich habe mich gelesen.
Durchforstete tote Bäume nach dem, was ich bisher von mir zu Papier brachte.
Habe gesichtet, was ich dir von mir gab.
Bisheriges Fazit: Ich erkenne mich.
In dem 15-Jährigem, der seine ersten Schreibversuche machte, um sich selbst besser zu verstehen, um irgendwann zu merken, dass er gut in etwas war.
In dem 18-Jährigem, der sich in eine Beziehung mit einer verheirateten Frau gestürzt hatte, nur um zu lernen, sich selbst mehr zu schätzen, als das Wohlergehen seiner Partnerin. Auf dem Wege hatte er viel der verbliebenen Unschuld und Reinheit verloren.
In dem 20-Jährigem, der erfahren durfte, welch erhebendes Gefühl es ist, begehrt zu werden und der aus Angst, eine neue fremde Seite an sich entdeckt zu haben, dieses wieder aufgab.
Ich erkenne mich auch in dem 21-Jährigem wieder, der das Wagnis einging, das sichere Domizil des Pessimismus zu verlassen. Er warf sein Leben und seine Pläne über Bord, um nach zwei Jahren der unerfüllten Liebe, diese zu leben.
Genug der dritten Person.
All dies passierte mir, tat ich, war ich und bin es zu großen Teilen noch.
Es geschah noch eine Menge mehr, doch beinahe alles in Begleitung der stets offen stehenden Hintertür in das wohlig bekannte Leiden, welche mir der 15-Jährige geöffnet hatte.
Ich hatte die letzten Jahre stark vermieden zu schreiben, mich weiter zu erkunden. Es schien, als wäre Optimismus nur durch gezieltes Ausblenden meiner Selbst für mich möglich. Als ließe sich meine Liebe nur leben, wenn ich weniger vollständig daran teilhabe.
Ich versteckte mich vor mir und gab so auch ihr keine Möglichkeit mit mir zu leben.
Letztendlich begann ich wieder mit der Selbstanalyse und gab ihr viel zu spät und plötzlich die Gelegenheit, sich gegen das wahre uns zu entscheiden.
Es hätte früher enden müssen.
Doch Vergangenem nachzutrauern ist nutzlos, auch wenn es sicherlich auf Manchen heilsam wirkt.
Vielleicht tue ich mit jedem Letter nichts anderes.
Zwischenstopp:
Ich beginne weiterhin so viele Sätze mit Ich und wenn nicht, platziere ich Ich in der Mitte.
Doch warum auch nicht?
Bin ich halt egozentrisch.
Schließlich geht es letztendlich in meinem Leben um mich.
Alles, was ich zu bieten habe, ist Ich.
Weiter in der Geschichte.
Ich bin mit mir alleine und bin es doch nicht.
Ich begann mir selbst Gutes zu tun, wann immer ich konnte.
Nutze jede Gelegenheit zu leben.
Mein Leben. Mit mir.
Ich lasse andere teilhaben. Nehme Anteil. Fast normal, so scheint mir. Ich gebe mich und doch gibt es Grenzen, die ich nicht überschreiten lasse. Ganz unbewusst, bisher.
Ich will sie ausloten, durchbrechen lassen.
Jetzt scheint der richtige Zeitpunkt zu sein. Ich fühle es, obwohl ich nie an das Konzept des richtigen Zeitpunktes glaubte.
Ich habe mich stets alt gefühlt - altklug verhalten. Das Leben schien mir die letzten Jahre keine großen Überraschungen mehr bieten zu können. Und während mich die mangelnde Erwartung positiver Begebenheiten früher dazu brachte, erfolglos das Enden meines Lebens herbeiführen zu wollen, brachte die Aufgabe der negativen Erwartungen das Enden des Erwartens mit sich.
Ich versuchte zwar, dass beste aus dem Leben zu machen, doch nicht aus mir. Ich akzeptierte, was ich glaubte zu sein, was das Leben mir bot, verlor mein Sreben in gespielter Zufriedenheit.
Genug davon.
Ich kann mehr sein, als ich bin.
Ich begann wieder zu schreiben. War ein wenig eingerostet, doch ich kann es noch und werde weiter besser.
Ich begann wieder zu singen. Weiß endlich, dass ich es kann.
Ich lernte endlich meinen Körper zu lieben, ihn begehrenswerter zu machen. Ich verstümmele mich seit Jahren äußerlich nicht mehr und seit Monaten nicht mehr innerlich. Auch wenn ich diese Momente immer wieder vermisse.
Meine Hülle wird weiter von mir poliert.
Es geht noch glänzender.
Ich bin nicht mehr nur mein Kopf und Herz.
Ich bin derzeit, mehr als zuvor, länger als je zuvor, stabil Ich.
Vielleicht bin ich jetzt eine glänzend polierte Maschine mit Herz.
Doch ich erkenne mich in mir. Schäme mich nicht mehr dafür, nicht wie andere zu empfinden, mich nicht wie andere zu verhalten, mich häufig überlegen zu fühlen, Gefühle zu durchdenken, aus allem einen Witz machen zu müssen, Planung dem Spontanen vorzuziehen, gerne schuld zu sein, kaum zu bedauern, mich selten zu entschuldigen, Menschen Wertigkeiten zuzuteilen, mir meines Könnens bewusst zu sein und meiner Besonderheit, mein Ego mithilfe anderer zu pflegen, Höflichkeit nicht als höchste Tugend zu erachten, mich in den Vordergrund zu drängen, aus dem Hintergrund zu operieren, kilometerlange Sätze zu schreiben oder diese extrem zu verschachteln.
Die Intention dieses Werk zu verfassen, nach dem Durchleuchten des bereits Geschriebenen, welches häufig einen lauten negativen Unterton hatte, war von dem aktuell geschehenden Positiven meines Lebens zu berichten. Dies ist mir nicht wirklich gelungen. Darum soll es verschoben werden, auf das nächste Werk.
Du bist weiterhin wichtig für mich. Ich benutze dich als Begleitung in all den Zeiten, in denen mein Blick auf mich für mich allein zu viel ist. In den Zeiten, in denen ich fürchte dich zu verlieren.
Es scheint als würde ich bald so alt sein, wie ich mich schon ewig fühle.
Und du?
mehrmorgen